Unten, am Fluss..
#31
Himelen deutete auf einen der gepolsterten Ratsstühle.

"Ihr solltet euch nun setzen Yaerdis und euch beruhigen."
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#32
Yaerds widerstand dem Impuls, sich einfach an Ort und Stelle zu Boden sinken zu lassen. Mit dem Konzept eines Stuhls hatte sie sich auch in der Dekade, die sie nun schon im Westen weilte, noch nicht ganz anfreunden können.
Vorsichtig nahm sie ganz auf der Kante Platz und sah mit großen Augen zu Himelen auf.
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#33
"Ich vermag nicht zu urteilen wie eng eure Bindung ist Yaerdis Rabenfeder, doch ich kenne die Art und Weise wie man die Verbundenheit mit einer anderen Seele empfindet."

Er blickte auf Yaerdis hinab.

"Ein Verlust dieser kann vorkommen, je nach Art und Weise wie euer Gegenstück derzeit bewandert ist und mit welchen Aufgaben er betraut wurde. Doch die Dauer von zehn Tagen wirft durchaus Fragen auf. Wie eng wart ihr verbunden Yaerdis Rabenfeder? Wisset dass recht frische Bindungen weniger stark sein können."
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#34
"Ich.. wir.. äh..."

Yaerdis schluckte. Sie hatte keinen Vergleich - wie sollte sie ihre Beziehung einschätzen und dies dann auch noch vor Himelen darlegen? Sie senkte überlegend den Kopf.

"Hîr... Saelrandir und ich.. wir.. wir kämpften an vielen Orten gemeinsam. Immer war es, als herrsche ein geheimes Einverständnis zwischen uns - als wüssten wir, was der andere als nächstes tun würde. Oft folgte er mir oder ich ihm blind, ohne Hoffnung in verzweifelter Gefahr.
Schliesslich... schliesslich gestand er mir seine Liebe. Ich.. ich war wie vor den Kopf geschlagen, wisst Ihr... ich.. ich habe.. ich hatte... mit so etwas nicht gerechnet.
Wir... wir ... wir haben uns vor etwas mehr als einem Jahreslauf verlobt und .. und wollten noch eine Weile warten, bevor wir tatsächlich eine Hochzeit ausrichten, und.. äh.. hmm.. "


Yaerdis überlegte eine Weile, bevor sie weiter sprach. Dann fuhr sie leise fort:

"Wisst Ihr, Saelrandir hat sich ziemlich verändert, während dieser Reise in den Osten, die wir unternahmen. Er wurde sehr schweigsam und nachdenklich und grübelte viel über.. über philosophisches; über die Wege des Feindes und über die meines Volkes.
Er... er war erschrocken - trotz meine Warnungen - als ihm dort Ablehnung entgegen schlug ob seiner westlichen Irrwege; seiner u'wicai... seiner anderen Art, zu denken. Er.. er arbeitete hart, um von meinen Leuten akzeptiert zu werden; er versuchte, sich ihnen anzupassen wo immer es ging.
Seine Musik vermochte ihm dabei sehr viel mehr zu helfen als ich... deswegen liess ich ihn oft in Ruhe an einem Stück arbeiten oder mit den úlulai...ah.. den Nicht-Jägern?... am Geschützten Stamm zurück, während ich mit den Jägern in die Grüne Welt ging.
Äh.. ich... entschuldigung."


Yaerdis unterbrach sich und sah zu Boden, als sie merkte, daß sie immer mehr und mehr in den Dialekt und die Ausdrücke ihrer Heimat verfallen war, die Himelen wohl kaum zugänglich waren.
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#35
"Glaubt ihr dass ihr euch einander entfernt?"

Himelen war diesmal unglaublich direkt. Ob das an Yaerdis Ausschweifungen lag oder an der Art und Weise ihres Vortrages ließ er sich nicht anmerken.
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#36
Yaerdis blinzelte und wischte sich die letzte Träne von der Wange.

"Mae, Hîr... ich glaube... ich fürchte es. Und ich habe Angst davor..."

Yaerdis schlug die Augen nieder. Dieses Eingeständnis war ihr sichtlich nicht leicht gefallen.
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#37
"Und warum glaubt oder fürchtet ihr es? Versucht es in einem Satz zu beantworten."

Er fixierte Yaerdis, sprach aber weiterhin ruhig.
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#38
Yaerdis setzte mehrfach an, um zu antworten. Sie musste sich selbst dazu zwingen, zuerst zu überlegen, bevor sie antwortete.

Schließlich senkte sie den Kopf.

"Weil er ein Teil von mir ist, Hîr. Ich möchte ihn nicht verlieren...."

Es schien die einzig richtige Antwort zu sein. Doch sie war ja bereits da, diese schreckliche Leere... Yaerdis schlang die Arme um ihren halbnackten Körper, als sei ihr kalt.
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#39
"Wenn er ein Teil von euch ist Yaerdis Rabenfeder, dann werdet ihr ihn nicht verlieren können. Versteht ihr das?"

Er musterte Yaerdis eindringlich.
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#40
Yaerdis erstarrte bei diesen Worten. Himelens Aussage bestätigte ihren latenten Verdacht - stets war sie sich zu minderwertig für Saelrandir vorgekommen; hatte sich gefragt, wie er so ein scheues, schwaches, hässliches Bündel Frau überhaupt lieben konnte.

Vielleicht war er gar nicht wirklich zu ihr gehörig. Vielleicht war es nur die Illusion, der Wunsch gewesen, etwas gemeinsam zu haben mit diesem schillernden Helden, der ihre Anwesenheit stets so freundlich geduldet hatte. Vielleicht hatte er all diese Worte nur gesagt, um sie einzulullen, in Sicherheit zu wiegen, damit sie nicht ganz soviel Angst mehr hatte. Es war freundlich gewesen von ihm, nicht mehr - so musste es wohl sein. Er war kein Teil von ihr, sonst hätte sie ihn nicht verlieren können.

Wie vom Blitz getroffen saß Yaerdis eine Weile lang ganz still. Ein einzelner Atemzug; ein Kopfschütteln - dann rannte Yaerdis ohne Abschied hinaus. Sie konnte Himelen nicht in die Augen sehen.

Schnell stürmte sie die Treppen hinunter, davon, davon.. nur weit, weit fort, um an einem stillen, geheimen Ort ihren Tränen freien Lauf lassen zu können. Sie hasste sich selbst für diese Schwäche, diese Weinerlichkeit; die immer und immer fließenden Tränen. Es musste die Wahrheit sein. Himelen in seiner Weisheit hatte es erkannt, wo Yaerdis ihre Zweifel doch stets so gut verborgen gehalten hatte, so tief verdrängt...
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