Ein Brief an die Hiril Istaelleth
#1
Ein einfacher Brief, von einer Hand verfasst, die das Schreiben sichtlich nicht sonderlich gewohnt ist. Noch immer sind Yaerdis' Zeichen eckig wie die Cirth, die ihr eigenes Volk verwendet.


Werte Hiril Istaelleth,

wie gewünscht habe ich über Eure Worte noch einmal nachgedacht.
Doch meine Vorbehalte haben sie nicht ausräumen können. Ich verstehe nicht, wie Ihr sagen könnt, das Wissen und die Kunst Mittelerdes seien Euch wichtig - aber nicht selbst bereit seid, für das zu Kämpfen, was Euch wichtig ist.
Stattdessen schickt Ihr andere bedenkenlos in Gefahr und Tod, und dies auch noch mit deutlicher Geringschätzung.

Versteht bitte, Hiril Istaelleth, daß unsere Aufgabe eine schwere ist - und sie beinhaltet, gegen einen sehr gut bewaffneten, offen kämpfenden Feind vorzugehen, der zumeist in der Überzahl agiert und dort, wo er zahlenmässig nicht in der Überlegenheit ist, nur umso zahlreicher seine Spione aussendet.
Unser Weg geht auf des Messers Schneide entlang - und Ihr verlangt von uns, daß wir uns dabei zur Seite beugen und Blumen pflücken.

Vielleicht mag Euer Ziel ein Edles sein und Euer Versuch, Mittelerdes Wissen zu bewahren, kein Diebstahl an seinen Völkern, auch wenn ich dies mit meinem derzeitigen Wissenstand bezweifele. Andere, die weiser sind als ich, mögen anders urteilen, und auch ohne, daß Ihr mir Beweise für diese Eure Behauptungen bringt, bin ich durchaus geneigt, ihnen Glauben zu schenken.
Aber selbst dann noch - welches Wissen hätte Mittelerde zu bieten, daß hier nicht dringend benötigt wird im Kampf gegen den einen großen Feind, der dieses Land vernichten will? Daß den Valar und Eldar des glückseligen Reiches tatsächlich unbekannt wäre?
Und was ist mit den Völkern Mittelerdes, die den Äußersten Westen nicht erreichen können? Sie werden Euren - vielleicht löblichen - Versuch niemals würdigen können, selbst wenn sie die Attacken des Feindes überleben.
Noch dazu muss ich davon ausgehen, daß alles, was Ihr an Wissen und Kunst in den Westen bringt, naturgemäß Eurer Beurteilung und Auslese obliegt. Doch ist Eure Darstellung von Wissen und Kunst Mittelerdes tatsächlich die einzig maßgebliche und jene, die die Bewohner des fernen Westens erfahren sollten? Sollten sie sich nicht lieber selbst ein unmittelbares Bild machen von dem Gegenstand ihres Interesses? Sollten sie nicht unser Blut, unser Leid, unseren Heldenmut, unsere Lieder und Geschichten selbst sehen und hören?
Werdet Ihr, Hiril Istaelleth, den Elben des Westens von meinem Volke im äussersten Osten, verborgen vor Himmel und Erde, erzählen? Werdet Ihr ihnen von den Schönheiten der Tiefen Höhlen Morias erzählen? Werdet Ihr ihnen überhaupt erzählen können, was Ihr selbst nicht saht?

Versteht mich nicht falsch, Hiril Istaelleth. Ich zweifele nicht an, daß Ihr eine Dame von Edelmut und Weisheit seid. Aber die Aufgabe, die Ihr gewählt habt, ist zu groß für jeden, ob Elb, Zwerg oder Mensch; weder kann sie in ihre Gänze noch in ihrer Tiefe vollendet werden.

Ich hoffe, Ihr versteht die Natur meiner Zweifel nun besser. Auch sehe ich unsere Gemeinschaft und Einigkeit ist in keinster Weise bedroht durch die Tatsache, daß ich Euren Namen nicht annehme. Stattdessen werde ich das Banner für Hîr Garomur tragen, wenn es in die Schlacht geht. Ohnehin glaube ich nicht, wichtig genug zu sein, als daß man sich für mein woher und warum interessieren würde.
Zudem ist etwas eingetreten, daß mich wohl für eine Weile von meinen Pflichten in Eriador fort rufen wird; ich vermute, daß dies auch dazu beitragen wird, den von Euch gewünschten Frieden in unsere Reihen zu bringen.

Damit verbleibe ich.

Respektvoll,

Yaerdis Rabenfeder
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