Ein Brief an Hîr Himelen
#1
Yaerdis hatte die ganze Nacht lang mit sich gerungen. Aber sie traute sich nicht, nocheinmal mit Himelen selbst direkt zu sprechen. Zu klar stand ihr noch sein Bild von ihrer letzten Unterredung vor Augen; sie fürchtete, allein schon wieder in Tränen auszubrechen, wenn sie das obere Turmzimmer noch einmal betreten müsste. Nein, sie war zu schwach dafür, dem stahlharten alten Noldor noch einmal vor Augen zu schleichen. Also legte sie den Brief an Himelen zu dem an Istaelleth.

Werter Hîr Himelen, geschätzter Dienstherr,

wenn Ihr diese Botschaft lest, befinde ich mich bereits auf der Reise in den Osten. Vermutlich - und ich kann Euch daran nicht hindern - werdet Ihr mein Verhalten als Verrat empfinden und als Bruch meines Eides.
Ich kann euch nur von Herzen versichern, daß dies meinen Absichten so fern wie nur möglich liegt, doch werde ich willig jede Strafe auf mich nehmen, die Ihr ob meines offensichtlichen Ungehorsams verfügt... wenn ich denn zurück kehre.
Doch bevor Ihr dieses Schreiben nun dem Feuer gebt, lest bitte zunächst, warum ich fort gehe.
Hîr Pebelas traf die Hiril Perhil gestern abend auf dem Sippengelände an; er erzählte mir, daß er sie einstmals innig liebte und schon seit langer, langer Zeit für tot hielt.
Er suchte sie in jeder Ecke Mittelerdes und forschte nach ihrem Verbleib, doch stets war dies nicht von Erfolg gekrönt.
Nun, nach vielen Monden, traf er sie wieder - und fühlte... gar nichts; nur die Leere, die seit seinem tiefen Verlust sein ständiger quälender Begleiter ist.
Selbst das wenige, das ich von diesem seinen großen Schmerz nachvollziehen kann, reisst in mir eine tiefe Wunde - denn anders als Pebelas kann ich noch nicht einmal behaupten
überhaupt irgendetwas unternommen zu haben, um Saelrandir wieder zu finden.
Ich
muss ihn finden und noch einmal mit ihm sprechen; nur ein Mal noch... Zumindest Abschied nehmen und ihm danken für alles, was er mir ermöglichte. Oder... oder herausfinden, was mit ihm geschehen ist.
Ihr sagtet mir einst, daß dieser Bund mit Saelrandir meinen Einsatz für Eure Ziele nicht beträfe und es nicht nötig sei, ihn für die Faer Eryn zu beenden. Doch kann ich nicht beidem zugleich Folge leisten, und mein Herz reisst mich fort.

Ich erbitte für diese Schwäche untertänigst Eure Verzeihung, Hîr Himelen, und wünsche Euch für Eure Wege in Eriador alles erdenklich Gute, sollte ich es nicht schaffen, hier her zurück zu kehren.
Ich will es mit all meinen Kräften versuchen, um jenen Eid, der mir so viel bedeutet, halten zu können.
Doch vielleicht ist es nicht mehr möglich, das Gebirge oder den Düsterwald zu passieren, und meine Geschichte wird zwischen den Bäumen oder im Schnee enden. Ich kann Euch daher kein anderes Versprechen geben als eben dieses.

Hochachtungsvoll,

Yaerdis Rabenfeder



Schnell eilte sie fort. Sie brauchte nicht viel mehr als ihr übliches Gepäck für diese lange Reise in den äussersten Osten, und irgendwie... irgendwie tat es gut, die Fesseln des Westens hinter sich zu lassen. Wie schon einmal stand das von ihr angemietete Haus in Tum Fain einen Spalt weit offen, damit Blätter und Wind nach Belieben hinein wehen konnten in dieses leere Museum, daß ihr nichts bedeutete. Ob der Wind die wenigen Dinge vermisste, die sie mit Bindfäden an den Baum davor gebunden hatte und die nun wieder in ihrem zerfledderten Rucksack ruhten? Sie glaubte es eigentlich nicht.
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#2
Als Himelen den Brief erhielt, es war erst am Abend des Folgetages und jenen las legten sich tiefe Denkfalten auf seine Stirn. Wie versteinert hielt er den Brief in der rechten Hand, den Zeigefinger der Linken nachdenklich am Kinn und las ihn ein zweites und drittes Mal. Vor allem die Passage über Pebelas erweckte sein Interesse.

Nichtsdestotrotz setzte er einen kurzen Brief auf. Die Schrift war fein und geschwungen, zeugten von jahrtausender langer Übung.

Yaerdis,

eure Tat ist überstürzt und eure Sorgen wandelten sich in ängstlichen Eifer der euch gen Osten treibt.
Ja, ihr gefährdet mit eurem Verhalten das übergeordnete Ziel des Bundes, denn in eurer Abwesenheit fehlt diesem eine fähige Jägerin und an jedem weiteren Tag wird diese Lücke sich weiter öffnen.
Dennoch verstehe ich eure Gründe und danke euch vielmals für die Informationen. Allerdings entschuldigt dies nicht eure Taten, denn ihr hättet zumindest das Gespräch suchen müssen.

~Himelen~

PS: Ihr werdet euch bei mir umgehend melden, wenn eure Füße den Anduin gen Westen überqueren.


Er faltete den Brief, versiegelte ihn mit dem Zeichen des einzelnen Baumes und öffnete das Turmfenster. Ein melodischer Pfeifton verließ seine Lippen und wenige Minuten später kündigten Flügelschläge von der Ankunft eines Raben.

"Bringt dies der Rabenfeder auf schnellstem Weg. Sie reist gen Osten."

Es war bereits dunkel und das schwarze Gefieder des Raben verschwand recht schnell in der Nacht. Himelen drehte sich um und verließ das Turmzimmer. Es gab einiges zu besprechen.
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