Nebel...
#1
Yaerdis wanderte ziellos durch den nächtlichen Wald Lothlóriens. Ihre nackten Füsse verursachten auf dem kühlen, blätterbedeckten Waldboden keinerlei Geräusch, ihre abgemagerte Gestalt verschwand schon auf wenige Schritte in dem feuchten Nebel der allerfrühsten Morgenstunden.
Sie freute sich sehr darüber, daß ihr endlich wieder erlaubt worden war, ohne Schuhe zu gehen. Endlich? Wieder? Yaerdis schüttelte über ihre eigenen Gedanken den Kopf. Sie wusste nicht, ob sie jemals zuvor barfuss gegangen war, und auch nicht, wie lange sie schon hier im Goldenen Wald weilte.

Seit dem Aufwachen... seit den schrecklichen Verletzungen, die sie im Düsterwald erlitten hatte, konnten ebensogut nur ein paar immer gleiche Tage vergangen sein wie auch ungezählte Jahre. Yaerdis wusste es nicht, konnte mit dem bloßen Begriff der Zeit nichts mehr anfangen. Manchmal fühlte sie sich, als sei sie schon lange hier; manchmal kam ihr alles so unbekannt und verheissungsvoll glänzend vor, als sei sie erst vor wenigen Stunden hier eingetroffen und müsse das goldene Licht zwischen den Bäumen trinken wie ein Verdurstender das reine Quellwasser.

Obwohl sie kein Ziel für ihre Schritte gewählt hatte, tauchten schon bald die Umrisse des Stillen Gartens im Nebel vor ihr auf. Sie fand immer hier her, früher oder später; nur meistens nicht mehr fort von diesem stillen Ort des Gedenkens an die Toten und Gefallenen. Ganze Tage und Wochen hatte sie hier gesessen und blicklos vor sich hin gestarrt, bis die Elben Lothlóriens Yaerdis mehr oder weniger befohlen hatten, zumindest einmal am Tage Nahrung zu sich zu nehmen und ihr von endlosem Gemurmel begleitetes zielloses Hin-und-Her-Wiegen einzustellen.

Wie erwartet, hatte Yaerdis den Sinn dieser Vorschrift nicht verstanden, ebensowenig wie den der anderen Dinge, die die Elben hier als selbstverständlich erachteten; etwa die Notwendigkeit, sich angemessen zu kleiden - oder überhaupt zu kleiden - oder regelmässig etwas zu trinken.

Soweit die Heiler Lothlóriens es beurteilen konnten, war Yaerdis durch die schweren Wunden an Kopf und Rücken und die darauf folgende Infektion geschwächt, beinahe ohne Erinnerung und fast willenlos zurückgeblieben, eine elbenähnliche Hülle mit nur noch wenig Geist darin.
Und dieses Restchen an Verstand schien der tiefsten Überzeugung zu sein, sich in einer Art Zwischenwelt zu befinden, in einer ebenso gründlichen wie letzendlich sinnlosen Vorbereitung auf den eigenen, endgültigen Tod.
Soweit sie Yaerdis bruchstückhafte, verrätselte Erzählungen und vor allem die schrecklichen Schreie und Angstrufe ihrer Träume verstehen konnten, schien Yaerdis auf ihrem Weg in den Osten am Rande des Düsterwalds von einer Rotte Orks überwältigt und anschliessend von einem Warg zerfleischt worden zu sein, doch eine - gnädige oder grausame? - Macht hatte ihr die Erinnerung daran komplett aus dem Gedächtnis gelöscht, ebenso wie beinahe alles andere, was sie in ihrem früheren Leben gewusst, gedacht oder gewollt hatte.

Nun war sie hier, unter den goldenen Bäumen, und erzählte jedermann, der ihr seine Aufmerksamkeit schenkte, sie sei bereits tot und bereite sich darauf vor, ein Geist zu werden, der diesen Geisterwald auf ewig heimsuchen werde, ja, daß sie bereits ein halber Geist geworden sei. Ihren eigenen Namen kannte sie nicht, ebenso wenig wie die ihrer Freunde.
Die festen Regeln und Vorschriften, die Tharnelleth und die anderen Heiler Lothlóriens Yaerdis machten, schienen ihr so etwas wie ein Mindestmaß an Sicherheit und Halt in ihrem verqueren Wahn zu geben, doch eine Rettung aus diesem verirrten und verwirrten Zustand heraus schien ihnen so gut wie unmöglich. Vielleicht mit der Zeit und viel Geduld mochte es möglich sein, Yaerdis bewusst zu machen, das sie sehr wohl noch lebte und auch die Wesen um sie herum lebendig waren... und Zeit gab es ja im Goldenen Wald genug.


Yaerdis hockte sich auf dieselbe Stelle wie stets, ein leicht erhöhter Mauervorsprung unter der nun im Nebel versunkenen Sonnenuhr im Garten der Stille, und nahm das ewige sich-Wiegen und Händereiben wieder auf, das ihr nun schon so lange zu eigen war.
Sie schlief nicht mehr viel, seit... seit immer schon, seit sie hier war, weil mit der Ruhe und dem Schlaf die schrecklichen Träume kamen, blutrot und fieberschwarz, warggrau und orkgrün, leichenfahl und eitergelb.
Und die anderen Träume, die mit den Gesichtern, die sie vorwurfsvoll oder traurig ansahen, verständnisvoll oder entschuldigend. Gesichter, die sie sicher kannte, aber nicht einordnen konnte, nicht wusste, zu wem sie gehörten oder wie die Namen zu diesen Gesichtern lauteten. Sie namen von Yaerdis einen endlosen, stummen Abschied und wollten und wollten nicht fort gehen.

Ihr ganzes Leben schien für Yaerdis in hunderttausend Splitterscherben zerbrochen, sie selbst willenlos dazwischen treibend wie ein umhergewehtes Blatt. Wie sollte ein Blatt einen Spiegel zusammen bauen? Unmöglich, es auch nur zu versuchen. Warum auch? Wenn sie den Sinn verstand, würde der Schmerz kommen, Schmerz über das Verlorene, das Unerreichte, das Vergessene. Nein; Schmerz hatte sie genug. Warum nicht einfach alles so lassen, wie es jetzt war, zerbrochen, vergessen, vergangen und ohne Sinn... es war wohl das Beste so.

Yaerdis hielt inne in ihrer sinnlosen Bewegung und wischte sich die Tränen fort, die über ihre Wangen liefen. Diese Vorschrift - daß das Weinen und Trauern im Land der Toten sinnlos sei, da jedes Gefühl zwangsläufig mit dem Tode hinter sich gelassen werden musste - diese eine Regel einzuhalten, fiel ihr sehr schwer.
Wieder dachte sie an den Mann, der vor kurzem - oder war es schon vor Jahren gewesen? - her gekommen war, der Neue.
Er hatte lange mit ihr gesprochen, Namen genannt und Fragen gestellt, die Yaerdis erschraken, verblüfften und traurig machten. Er hatte sie einige der Spiegelscherben finden lassen. Shejian zum Beispiel, und Farol; die beiden Menschenmänner an deren Beispiel sie versucht hatte, die Kultur der Menschen zu verstehen.
Es schien sehr, sehr lange her zu sein, daß sie mit solchen Dingen ihre Zeit verbracht hatte; rückwirkend mochte sie sich selbst fast böse sein, daß sie ihre kostbare Lebenszeit mit solch unwichtigem Tand verbracht hatte.
Hier, im Land der Toten, hatten Namen so oder so keine Bedeutung. Darum war ihr eigener, verlorener Name ihr auch nicht weiter wichtig erschienen. Doch der Neue hatte ihr einen Namen gegeben - und sich auch. Yaerdis. Und Pebelas.
Und er hatte mit Tarnelleth gesprochen und sie gebeten, die Regel mit den Schuhen fallen zu lassen; ein Umstand, der Yaerdis ausgesprochenes Wohlbehagen bereitete, ohne daß sie einen Grund dafür angeben konnte.
Der Neue veränderte Dinge. Machte neue Regeln und ließ alte, überflüssige fallen. Er war kein Blatt im Wind; Yaerdis vermutete deswegen, daß er hier, in der Zwischenwelt, dem Tor zu den Toten, ganz und gar verkehrt war. Er war einfach viel zu lebendig dafür. Aber er würde sie durcheinanderwirbeln, weiter treiben; etwas verändern.

Yaerdis schüttelte kraftlos den Kopf, bevor sie die immer gleiche Wiegebewegung wieder aufnahm. Sie musste gehen, wohin der Wind sie trieb; als Blatt hatte sie keine andere Wahl. Wenn sie es nur einen einzigen Tag schaffen konnte, all die Regeln einzuhalten - auch die, nicht zu weinen! Das müsste doch ein großer Erfolg sein, ein großer Schritt in Richtung des endgültigen Todes und der endgültigen, von ihr so sehr ersehnten Ruhe.
Hinter der im nassen Gras hockenden Elbe färbte sich der Nachthimmel grau, Arien begann ihre tägliche Reise über die Welt hinweg. Und Yaerdis wischte sich erneut verstohlen über die Wange. Wieder ein Tag, an dem sie die Regeln nicht eingehalten hatte!
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#2
Sanft drückte er die zitternde und weinende Gestalt an sich.

O Yaerdis... Was ist bloß geschehen... Bin ich zu spät gekommen?

Es wurde Zeit aufzubrechen - man hatte ihm gesagt, dass man Yaerdis in Lórien nicht mehr helfen konnte. Deshalb ruhten seine Hoffnungen jetzt gänzlich auf hîr Elrond und der vertrauten Umgebung Bruchtals. Doch unfähig etwas zu sagen stand er einfach nur schweigend da und wartete bis sich Yaerdis beruhigt hatte. Seine Robe sah durch die vielen Tränen viel dunkler aus als üblich...
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#3
"Es ist die einzige Möglichkeit. Ihr wisst es wohl - sie wird sonst sterben. Seht sie Euch doch an - selbst unter diesem Kleid kann man erkennen, daß dieser Körper dem Hungertod nahe ist."

- "Sie ist oft zu verwirrt, um zu essen. Meist scheint es mir so, daß sie kein Gefühl für die Zeit mehr hat, nicht mehr weiß ob es heute ist oder schon morgen oder vor einigen Jahren... sie achtet überhaupt nicht auf sich.
Würden wir nicht regelmässig nach ihr sehen, ich glaube, sie schliche nackt durch Loriens Wälder - wenn sie denn überhaupt noch lebte. Ihr habt recht, denn schon allzuoft - viel öfter, als sie es weiß - zielte einer der Pfeile unserer Wachen auf sie, in der Meinung, irgendein bösartiges Tier oder sogar ein orkischer Späher hätten sich durch unsere Reihen gewagt.
Dennoch könnte es sein, daß ein wenig Geduld.... -"


- "Verzeiht, wenn ich da anderer Meinung bin. Ich habe ihr zugehört und natürlich auch dem, was Ihr mir erzählt habt, werte Tarnelleth. Es ist eine perfekte Wahnwelt, die sie sich geschaffen hat. Allein wird sie nicht mehr herausfinden, und anscheinend vertraut sie niemandem auf dieser Welt genug, um sich auf diesem Weg helfen zu lassen. Vielleicht Saelrandir - doch der ist unauffindbar verschollen.
Ich fürchte, es ist der einzige Weg."


- "Ich will eure Meinung als Heilerin keineswegs anzweifeln, Herrin. Aber sie ist... nicht vom Blute Loriens. Wer weiss, wie ein... moriquendi... auf derlei reagiert?"

- "Ich weiss. Oder, um es genauer zu sagen: Ich weiss es nicht. Derlei ist noch nie an jenem Volke versucht worden. Ich will keine alten Feindschaften heraufbeschwören, wenn ich sage, daß nur sehr wenig überhaupt mit diesem Volke gesprochen worden ist. Wie es auf ein nestadren caladh reagieren könnte, liegt jenseits dessen, was ich bisher erfahren habe. Ich hätte es auch nicht vorgeschlagen, wenn ich irgendeine andere Möglichkeit für sie sähe."

- "Ihr sprecht weise, Herrin. Wenn ich ihre Schreie und Traumgesichte richtig zu deuten verstehe, bin ich überzeugt, daß sie eher den Tod und den Eingang in Mandos' Hallen verkraften könnte als ein Weiterleben in diesem verwirrten Zustand. Ihr wisst ja wohl, daß sie schon des öfteren auf recht seltsame Art und Weise versucht hat, sich das Leben zu nehmen."

- "Mae, ich weiss es. All dieser Schmerz... all diese Schuld. Als ich so jung war wie sie..."
Goldenes Haar bewegt sich in dem von einem leichten Kopfschütteln erzeugten Lufthauch.
"Lasst alles vorbereiten. Ich werde es selbst tun. Und achtet solange auf sie, damit sie nicht erneut fort läuft. Ithil steht gut für unser Unterfangen, und wir werden sein Licht brauchen."
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#4
Ythiliel durchwanderte die Goldenen Wälder, streifte mit bloßen Füssen durch das taunasse Gras und die alten, knisternden Blätter. Eine Lust steckte darin, ein Vergnügen, das ihr gänzlich neu schien; gleichzeitig aber so unendlich bekannt war wie das leise, stetige Geräusch ihres eigenen Herzschlags.
Ihre Waffen - Bogen und Speer - schwangen mit vertrautem Gewicht an ihrer Seite; den Köcher mit den langen weißen Pfeilen trug sie wie stets auf dem Rücken. Leise hallte ihre Stimme durch den uralten Wald, eine elbische Melodie voll Staunen über soviel Schönheit.
Tharnelleth lächelte, als sie Ythiliel auf dem Weg zu ihren täglichen Pflichten durch den Wald gehen sah. Die junge Elbe mit den langen schwarzen Haaren, so auffällig unter all dem Gold, hatte keine Ahnung davon, wie genau sie noch immer beobachtet wurde.
Tharnelleths Begleiterin lächelte ebenfalls.
"Ich glaube, sie ist glücklich," knüpfte sie an das Gespräch mit Tharnelleth wieder an. "Ja, Herrin," nickte Tharnelleth dazu, "wenngleich der Preis hoch war. All ihr Wissen..." - "Sie ist jung. So jung, dass ich beinahe nicht mehr weiß, wie es sich damals anfühlte, Tharnelleth, damals, als ich selbst so jung war. Sie wird diese wenigen Jahre nicht vermissen; und ihre Herkunft wird sie nicht mehr belasten. Zumindest... nicht mehr so sehr. Ihr seltsames Schicksal... nunja. Diese Entscheidung liegt nicht in meiner Hand."
Tharnelleth sah zu ihrer Gesprächspartnerin hinüber, versuchte, in der ihr so vertrauten Mine zu lesen. Dennoch konnte man ihr anmerken, daß sie den Sinn dieser letzten Sätze nicht ganz erfasst hatte.
Ein weiteres Lächeln ihres Gegenübers war die Folge. "Verzeih. Ich wollte Dich nicht verwirren. Es ist meine Angewohnheit, hin und wieder Gedanken auszusprechen, die nur mir allein gelten. Lass Dich davon nicht stören, bitte. Wie steht es mit ihren Pflichten?"
"Sie erledigt sie alle gewissenhaft und scheint sehr aufmerksam zu sein. Besonders der Wachdienst vor den Toren scheint ihr zu gefallen, wenn auch nicht viel beobachtenswertes dort geschieht."
"Ah.. aber das wird sich bald ändern, Tharnelleth. Ich sehe voraus, daß sie all ihre Fähigkeiten noch brauchen wird.. vielleicht schon bald. Und das Licht... nunja. Man wird es sehen, hin und wieder. Nun gut. Hast Du schon etwas gefrühstückt, sag? Ich würde dich gerne einladen..."

Zwischen den tausend goldenen Blättern huschten die Sonnenstrahlen über den Waldboden, dort, wo sich nun zwei Elbinnen plaudernd entfernten. Noch immer konnte man Ythiliels leisen Gesang zwischen den uralten Stämmen verhallen hören, so, als wolle sich der Wald merken, wer hier gewesen war.
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