Abschied (Qu'nshor T'pae)
#1
Farewell
 
Schweigend schritten sie nebeneinander her. Immer noch hielt Ma‘riell seine Hand, obgleich ihm bewusst war, dass dies das letzte Mal sein würde. Sie hatten lange miteinander gesprochen. Über Ma'riells Liebe zum Valenwald, zu ihrer Familie … über ihren Glauben, den „grünen Pakt“, über das, was sie sich vom Leben erwartete. Fibbs, ihr kleiner Hoppler, trottete behäbig hinterdrein, folgte den Fußabdrücken Ma’riells während er barfuß durch’s Wasser lief, dort, wo die Wellen auf den Strand aufliefen. 
 
Sein kürzlicher, zweiter Besuch in Len’hal’rha hatte ihm gezeigt wo sein Platz war – die Gespräche mit Chraba’lash und dem anderen Mystiker … und schlussendlich auch mit der sonderbaren Wassergeisterfrau waren aufschlussreich gewesen – und lasteten schwer auf seinen Schultern.

„Das heißt … du gehst jetzt zurück zu diesen Leuten … zu deinen Freunden und hilfst ihnen dieses … Ding … wieder einzufangen?!“ fragte sie schließlich leise. Ihre Stimme klang immer noch weich und matt von den vielen Tränen die sie vergossen hatte. Er nickte.
„Das habe ich vor“ erwiderte er leise, auch seine Stimme war heiser. Dann seufzte er. „Ich hoffe ich finde sie wieder …“.
Ma’riell versuchte zu lächeln. „Und kann dir das nicht einfach das Wasser sagen?!“ erkundigte sie sich. Er lachte leise.
„Wenn es mir antwortet … ja, dann schon“ meinte er leise, nickte dann. 
Mit einem Schiff würde er gewiss nicht mehr fahren … nicht, dass er wieder an irgendwelche Halsabschneider geriet. Zudem musste man eine Überfahrt in der Regel bezahlen … und woher sollte er das Geld nehmen? Nein … der direkte Weg durch die Blaue Welt erschien ihm da sicherer.

„Ich werd‘ dich vermissen“ meinte sie dann, zuckte verlegen mit den Schultern. Er versuchte den unangenehm ziehenden Knoten in seiner Kehle herunter zu schlucken – aber es gelang nur mäßig. 
„Ich dich auch…“ flüsterte er kaum vernehmlich. Ma’riell trat vor ihn und brachte seinen Lauf zum Stehen. Sie legte den Kopf schräg, lächelte ihn an. Dann hob sie sein Kinn sanft mit den Fingerkuppen an, zwang ihn sie anzusehen.
„Das … sei nicht allzu lange traurig, T’pae …“ murmelte sie leise. „So ist nun einmal das Leben … es ändert sich jeden Tag … und meine …“ Sie druckste ein wenig herum. „Meine Eltern hätten es mir ohnehin nicht erlaubt einen Meereselfen zu heiraten … dann … dann …“. Sie unterbrach sich und zuckte ein wenig hilflos mit den Schultern. „Dann ist es jetzt doch eigentlich  … sogar ein Wink des Schicksals, dass dich deine … ähm … Pflicht … von hier fortruft, oder?!“ Sie strich ihm zärtlich über die Wange, ihre Finger zeichneten gedankenverloren die Konturen der rituellen Narben nach, die seit seinem letzten Aufenthalt in Len’hal’rha sein Antlitz zierten. 
Nun war er wirklich auf dem Weg ein Wind- und Wogenmeister zu werden. Er hatte den Ritus der Initiation vollzogen als er sich dazu bereit erklärt hatte einen Weg zu finden Nu’nalkgach’tha ein- für allemal zu binden und zu vernichten – seinem Volk diese Bürde abzunehmen – es davon zu befreien. Chra’balash würde ihm das eine oder andere beibringen hatte sie versprochen, aber das meiste – so ihre Rede – müsse das Meer ihn lehren. Er müsse ihm nur zuhören. 

Aber seine Aufgabe würde es ihm nicht gestatten in Grünschatten ein Leben auf dem Land zu beginnen; womöglich Familie zu gründen. Mit Ma’riell …
Dieser Traum war auch … zu schön gewesen. Die Last der Verantwortung wog schwer auf seinem Herzen. Allein der Gedanke, dass Ma’riell sicherer war wenn sie sich trennten, tröstete ihn. Dennoch tat es weh wie sie das sagte… dass ihre Familie ihn ablehnte … und auch, dass sie ihm von diesem neuen Freund erzählte … diesem jungen Jäger, der neuerdings in Dornbruch wohnte und mit dem sie seit seiner Abreise nahezu jeden Tag verbracht hatte ließ in seiner Brust einen hässlichen Knoten entstehen. Sie sprach es nicht aus, doch er ahnte, dass sich ihr Herz einfacher trösten ließ als das seine. Aber er wollte sie nicht mit Vorwürfen belasten. Dazu sah er sie viel zu gerne lächeln. Er nickte schließlich, blickte ihr geradewegs in die Augen; hoffte, dass sie den Sturm in seinen nicht zu erkennen vermochte.

„Du … hast recht“ brachte er schließlich hervor. „Ich … muss mich um meine Aufgabe kümmern. Es … es ist gut so … wie es ist“.
Lange musterte sie ihn.
„Sehe ich dich vielleicht eines Tages einmal wieder, T’pae?!“ erkundigte sie sich. Sie ließ seine Hand los. Dann lachte sie. Es klang heiter, und passte nicht so recht zu der Spur der Tränen auf ihrer Wange. „Oder genügt es wenn ich dem Wasser was erzähle und du hörst es dann?!“
„Du … kannst es versuchen“ entgegnete er stockend. Natürlich war das Unsinn, aber das musste sie ja nicht wissen. Wenn es ihr damit besser ging sollte sie den Wellen doch so viel erzählen wie sie wollte.

Ma’riell stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn flüchtig auch die blassen Lippen. Qu’nshor T’pae stand da wie zu Eis erstarrt.
„Leb wohl …“ flüsterte sie. Lange sah sie ihn an, sprach kein Wort dabei. „Pass auf dich auf, ja?“ meinte sie dann noch. Daraufhin drehte sie sich um und rannte leichtfüßig in Richtung der Siedlung davon ohne sich umzudrehen; ihr Rocksaum umflatterte ihre schmalen Knöchel wie die Flügel eines Schmetterlings. Fibbs hoppelte ihr hinterher.

Schließlich wandte auch er sich ab, den Wellen zu. Langsam watete er ins Wasser, bis die Wellen seinen Leib trugen. Dann tauchte er unter und schwamm los… und mit jedem Schwimmzug, der ihn von der Küste Grünschattens forttrug kehrte mehr und mehr Klarheit in seinen Geist ein.
Ich bin der letzte der Na’am alkgach … flüsterten seine Gedanken. Sein Ziel stand ihm klar vor Augen: Die Bannung und Vernichtung von Nu’nalkgach‘ tha … eines Tages würde er ein Wind- und Wogenmeister sein. Der schwarze Tod fürchtete das Wasser. Diese Leute … durfte er diese denn schon seine Freunde nennen? … Sie würden ihn brauchen. Und er sie. Zielstrebig folgte er den Strömungen des Wassers und seinem Gefühl, das sich mit diesen verband.
Antworten


Gehe zu:


Benutzer, die gerade dieses Thema anschauen: 2 Gast/Gäste